Sonntag, 24. Juni 2007

Aus dem Tagebuch eines Irrenarztes (2)

Lars Schenk ist seit sechs Wochen in der Klinik. Ein hochbegabter junger Mann, der seit seiner Pubertät mit dem nicht selten anzutreffenden Zwang behaftet ist, Dinge zählen zu müssen. Zunächst beschränkte sich sein Zwang auf solch harmlose Dinge, die Stufen einer Treppe zu zählen, die er hinaufging. Irgendwann begann er damit, andere Dinge zu zählen. Die Autos, die am Wochenende durch seine Straße fuhren, in der er wohnte, dann die Anzahl der Menschen, die ihm jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit begegneten, oder die Telefonanrufe, die auf seinem Telefon im Büro eingingen. Lars ist Bürokaufmann von Beruf. Er zählte regelmäßig die Büroklammern, die sich in einer neu bestellten Packung befanden.

Zu Beginn seiner Krankheit waren es nur seine Eltern, die von diesem Zwang wußten, später ließ sich seine Krankheit allerdings nicht mehr verheimlichen, da Lars die Ergebnisse seiner Zählungen nicht mehr für sich behalten konnte. Außerdem wurde der zusätzliche Zwang, sein Tun nicht unterbrechen zu können, immer größer, und es kam immer häufiger vor, daß er zu spät im Büro erschien und wichtige Termine einfach platzen ließ.

Seinen Arbeitskollegen und Freunden ging der Büroangestellte immer öfter auf die Nerven mit seinen so unwichtigen Mitteilungen, die zum Beispiel beinhalteten, wie oft einer von ihnen sich bereits geräuspert hatte oder wieviel Sommersprossen jemand im Gesicht besaß. Im Laufe der Jahre wurde die Krankheit bestimmend für den kompletten Tagesablauf des Mannes.

Lars Schenk besteht eigentlich nur noch aus einem Bündel freiliegender Nerven, die ihn bei geringstem Streß an den Rand eines Zusammenbruchs führen. Er zählt alles. Es ist unmöglich, auch nur ein Gespräch mit ihm zu führen, das nicht permanent von einer Bemerkung unterbrochen wird, die die Mitteilung enthält, wieviel Stifte sich auf meinem Schreibtisch befinden, daß in meinem Teppich unter dem Schreibtisch zehn Karos eingewebt sind, oder wie oft sich das Muster auf meiner Krawatte wiederholt. Zu Beginn seiner Therapie waren die Aufzählungen Schenks für mich interessant, weil diese Krankheit ein völlig neues Gebiet für mich ist. Ich machte mir Notizen über seine Ergebnisse, um sie nach den Sitzungen zu überprüfen. Seine Zählungen stimmen auf den Punkt genau. Nur die Anzahl der Erbsen auf seinem Teller beim Mittagessen konnte ich bisher nicht nachprüfen.

Inzwischen allerdings macht mich das Ganze ziemlich nervös. So nervös, daß ich damit begonnen habe, vor den Sitzungen diejenigen Gegenstände aus seinem Sichtfeld zu nehmen, die er durch bestimmte Kriterien in eine Aufzählungsreihe nehmen könnte. Ich achte sogar darauf, daß ich keine Krawatten trage, auf denen sich irgendein Muster wiederholt. Vielleicht behilft sich Lars Schenk nun damit, indem er wahrscheinlich die Falten in meinem Gesicht zählt oder die vom Regen hängen gebliebenen Tropfen auf der Fensterscheibe in meinem Büro. Er hat sich darüber noch nicht ausgelassen. Heute morgen ertappte ich mich dabei, wie ich beim eiligen Hochlaufen in den 2. Stock der Klinik, ich nahm jedesmal zwei Stufen auf einmal, innerlich zählte, zwo, vier, sechs, acht, zehn...

Am Nachmittag rief ich Constantin an, den ich im Augenblick vertrete, weil er sich das rechte Bein brach. Eigentlich ist er der Experte für Patienten, die irgendwelchen Zwängen unterliegen. Als ich ihm davon berichtete, welche Auswirkungen sein Patient bei mir hat, lachte Constantin.

„Ich hatte einmal einen Patienten, der unter einem exzessiven Waschzwang litt“, erzählte er. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich mir damals während seiner Behandlung die Hände wusch. Ich konnte die Bakterien förmlich sehen, die überall darauf lauerten, mich zu befallen. Aber keine Angst, mein Lieber“, versuchte er mich zu beruhigen. „Das verliert sich wieder.“

Rosige Aussichten, dachte ich, hoffentlich heilt der Beinbruch schnell.


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